Verantwortung fürs Leben

Ich sehe Kinder in unterschiedlichen Alterstufen und plötzlich wird mir bewusst, dass ein Kind eine Lebensaufgabe ist. Das Geschenk, welches in mir heranwächst ist nicht nur für die nächsten 3 Jahre, sondern wird ein Leben lang mit mir verbunden sein. Und obwohl mein Freund mir seine Unterstützung fast täglich versichert und mir Mut macht, fühle ich mich alleine mit der Verantwortung.

Ich habe Schmerzen im Unterleib. Ich spüre die Veränderungen meine Körpers. Die Angst vor der Geburt und das Wissen darum die Beschwerden alleine aushalten zu müssen, vermittelt mir ein Gefühl der Ohnmacht. Stück für Stück drängen sich Bilder über zukünftig verändernde Lebenssituationen in mein Bewusstsein. Ich sehe mich, wie ich die ersten Jahre zurückstecke und mich um das kleine Wesen kümmere.

Meine Angst?

Ich werde das alles tun, damit schließlich ein von mir unabhängiger Mensch heranwachsen kann. Ein Mensch, der sich am Ende von seinen Eltern abnabelt und seine Flügel ausbreitet, um die Welt zu entdecken. Dafür opfere ich meine guten Lebensjahre. Das klingt verdammt egoistisch! Ich schäme mich ein bisschen für diese Gefühle und Gedanken.

Plötzlich wird mir bewusst, welche Verantwortung Eltern haben und was sie für das Wohlergehen ihrer Kinder leisten. Ich bin im jungen Erwachsenenalter mit meinen Eltern oft hart ins Gericht gegangen. Meine Wertschätzung haben sie nur selten zu spüren bekommen. Schließlich ist in meiner Kindheit und auch in den letzen Jahren einiges schief gelaufen. Ich habe mich oft Missverstanden gefühlt. Bis heute gibt es keine vertrauenswürdige Basis zwischen meinen Eltern und mir. Dies begründet vielleicht auch meine negative Haltung und die Angst vor dem Eltern werden. Vielleicht kann ich andere Erfahrungen mit meinen Kind machen und eine verantwortungsvolle, ehrliche und liebevolle Beziehung aufbauen. Möglicherweise erfahre ich dann Positiveres als ich mir bis dato vorstellen kann.

Was macht mir noch Unbehagen?

Nach einer langen beruflichen Orientierungsphase hatte ich endlich das Gefühl angekommen zu sein. Ich haben den Mut gefunden meinen Träumen einen realen Platz im Leben zu geben und angefangen Ziele zu verwirklichen. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit meinen Lebenszielen haben mich ausgefüllt, erfüllt und mir endlich ein Gefühl der Zufriedenheit vermittelt. Ich bin stolz auf diese Entwicklung. Den Kinderwunsch stellte ich hinten an. Schließlich hatte ich genügend um die Ohren. Doch mein voranschreitendes Alter und meine Beziehung zu meinem Freund zwangen mich hin und wieder über Kinder nachzudenken. Am liebsten verdrängte ich die Möglichkeit schwanger werden zu können und glaubte nicht an dieses Naturwunder. Doch die Biologie hat mich jetzt eines Besseren belehrt. Ich wurde schneller schwanger als geglaubt. Ich werde mich mit der Tatsache anfreunden und auf meinem Lebensweg berücksichtigen müssen.

Eigentlich wollte ich mich gerade beruflich verwirklichen und mein erstes Projekt stand in den Startlöchern. Mit den Begleiterscheinungen der Schwangerschaft spürte ich die Einschränkungen und war mir schnell bewusst, das ich mit dieser niedrigen Leistungsfähigkeit kein Buisness aufbauen kann. Ich hatte nicht die Kraft dafür. Ich habe mich entschlossen meine Projekte auf Eis zu legen und erstmal zu lernen die Schwangerschaft als Lebensaufgabe Nr. 1 anzunehmen.

Ich denke, es ist nicht egoistisch andere Ziele zu haben als eine Familie gründen zu wollen. Das Gründen eines Unternehmes kann ebenso eine Lebensaufgabe sein wie ein Kind. Ob es am Ende das Gleiche ist, kann ich nicht beurteilen. Mir war die Erfüllung meiner Wünsche, Träume und Bedürfnisse wichtig für mein Zufriedenheitsgefühl. Und jetzt füllt sich mein Bauch. Vielleicht geht das auch mit Kind.

Ein großes Verantwortungsgefühl diesem kleinen Lebewesen gegenüber breitet sich in mir aus. Ich möchte ein gutes Leben bieten können. Auch jetzt schon in meinem Bauch spüre ich, dass ich es gut versorgen möchte. Es ist ein großes Bedürfnis von mir für mein kleines Baby da sein zu wollen. Aktuell sprengt es meine Vorstellung, wie ich meine beiden Lebenswelten miteinander vereinbaren kann. Und dann sind da noch die glücklichen Mütter, die jeden Augenblick ihrer Schwangerschaft zu genießen scheinen, sich als Frau vollkommen fühlen und mich mit Fragen löchern. Die Situation überfordert mich.

Wird mein Freund mit ähnlichen Gedanken und Fragen konfrontiert?

Er ist schließlich der Vater und hat die gleiche Verantwortung wie ich. Ich frage mich, welche Veränderungen sich in seinem Leben ergeben werden und mit welchen Gedanken er sich auseinandersetzt. Ich spüre wie das Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ auch seine Gedankenwelt kreuzt. Anders als bei mir, wo die meisten Menschen davon ausgehen, das ich für die Kindererziehung zu Hause bleibe und mich beruflich zurück nehme, geht es beim ihm darum über die finanzielle Versorgung nachzudenken und seinem Chef beizubringen, dass er nächstes Jahr zu Hause bleiben will. Damit verfolgen mein Freund und ich in unserer Gesellschaft ein eher untypisches Lebensmodell und haben sicherlich noch mit einigen ungeahnten Konfrontationen zu rechnen.

Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er auf sein großzügiges Gehalt verzichten möchte, um für ein bis zwei Jahre die Betreuung unseres Kindes zu übernehmen. Ich glaube er wird die Veränderung in seinem Leben erst richtig realisieren können, wenn unser Kind auf der Welt ist und auch er die Nächte nicht mehr durchschläft. Im Moment habe ich den Eindruck, er hat nicht so große Angst vor der Veränderung. Möglicherweise auch deshalb nicht, weil er sich über eine Veränderung in seinem Leben freut. Das Thema „berufliche Veränderung“ ist nicht neu. Er wünscht sich schon lange eine neue Herausforderung. In seiner Vorstellung ist der Ausstieg aus dem Arbeitstrott eine Bereicherung. Ein Kind zwingt ihn nicht länger nur darüber nachzudenken, sondern aktiv zu werden und zu handeln.

Es bleibt also nach wie vor turbulent und ich bin gespannt, wie sich die Zeit nach der Geburt für ihn, für mich und unsere Beziehung gestaltet.

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