Die Frage nach dem Geschlecht!

Was es wohl wird? Konfrontation & Auseinandersetzung mit der Geschlechterthematik!

Ich war heute bei der Frauenärztin zur standardmäßigen Vorsorgeuntersuchung. Alles scheint soweit im grünen Bereich. Vor diesen Terminen bin ich immer schrecklich aufgeregt. Sogar der Blutdruck war bei der ersten Messung zu hoch. Ich habe Angst vor der Blutabnahme. Leider ein Trauma aus meiner Kindheit, was ich nur schwer in den Griff bekomme. Danach ging es zur Untersuchung.

Die Ärztin wollte nicht viel reden, sondern gleich nach dem Baby schauen und schwuppdiwupp, das Herzchen klopfte und wir konnten sehen das alle Körperteile am richtigen Fleck sind. Das 4D Bild ließ schon Augen, Nase und Kopf richtig gut erkennen und zu meiner Überraschung auch das Geschlecht. Die Ärztin hatte das letzte Mal schon eine Vorahnung. Doch diesmal wurde es noch einmal bestätigt.

Was für eine Freude, mit welcher ich aus der Praxis stürmte, um dem Kindsvater diese Neuigkeit mitzuteilen. Seine Reaktion war verhalten und ich dementsprechend verwundert. Seinen Aussagen zufolge war ihm das Geschlecht immer egal. Plötzlich zeigen sich altmodische Denkweisen, die mich zurückschrecken ließen. Unsere Vorstellungen von Geschlechtlichkeit und dessen Gewichtung bekommen eine ganz andere Aufmerksamkeit. Darauf folgen lange Gespräche und Diskussionen.

Einer Studie zufolge können Kinder mit schwierigen Lebenslagen besser umgehen, wenn sie nicht nach stereotypen Geschlechtervorstellungen erzogen werden, welche sie in ihrem Denken und Handeln einschränken. Indem sie selbst mit ihren Identitäten und Rollenbildern experimentieren, erfahren sie welche Variablen von Mädchen- und Jungensein möglich werden. Sie lernen unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht vielfältige Fähigkeiten und Interessen kennen, wodurch sie im Laufe ihres Lebens eigene Vorstellungen von “Männlichkeit und Weiblichkeit” bzw. “Frausein und Mannsein” entwickeln.

In den letzten Jahren habe ich mich im Bereich – Geschlechtergerechte Bildungsarbeit – genau mit diesen Aspekten näher beschäftigt. Das Thema – “Wie konstruieren wir Geschlecht?” –  spielte nicht nur berufliche eine zentrale Rolle für mich, sondern wurde auch privat immer wieder hitzig diskutiert.

In meiner Partnerbeziehung dachte ich bis dato sehr ähnliche Ansichten zu teilen. Doch was sich seit der Geschlechtsbestimmung der Ärztin in unseren Gesprächen wiederspiegelt, ist durchaus überraschend. Und so scheinen unsere Meinungen und Argumente zunächst auf alte Traditionen und Vorstellungen zurückzublicken.

Jetzt kenne ich das Geschlecht meines Kindes!

Ich spüre diese Widersprüchlichkeit in mir, der Freude darüber keine zu große Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Schließlich möchte ich diesem kleinen Lebewesen die Chance geben, möglichst frei von stereotypen Geschlechtervorstellungen aufzuwachsen. Natürlich habe ich da nicht allein Einfluss drauf. Die Gesellschaft und das persönliche Umfeld wird einiges zur Sozialisierung und der Bildung der Geschlechteridentität beitragen. Ich beginne mir erneut Gedanken zu machen und merke wie gerade als werdende Mutter diese Thematik noch mal eine andere Perspektive bekommt.

Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen. Die Beziehung zu meiner Mutter war nicht immer leicht. Mein Vater spielte nach der Trennung meiner Eltern keine besonders große Rolle mehr in meinem Leben. In meiner Kindheit und Jugend verstand ich mich besser mit Jungen als mit Mädchen. Als ich älter wurde, machte ich mir mehr und mehr Gedanken wer und was ich bin. Obwohl ich nach außen als Mädchen wahrgenommen wurde, wusste ich manchmal nicht wo ich mich einordnen sollte. Ich fühlte mich unter Jungen oft wohler.

Als ich später kurze Haare trug, manchmal burschikose Verhaltensweisen aufwies und nicht immer typische Mädchendinge tat, wurde ich auch schon mal darauf angesprochen, ob ich lesbisch sei. Mich verwirrten diese voreingenommenen Vorstellungen von “Frausein”.

Mit Mitte zwanzig beschloss ich das zu sein was ich bin – nämlich “ICH”. Ein Mensch der biologisch eine Frau ist und ansonsten verschiedene Fähigkeiten und Interessen hat. Im Studium setzte ich mich weiter mit Fragen zur Geschlechterbildung und -konstruktion auseinander. Ich machte mich auf eine ganz persönliche Erfahrungsreise, bei der ich herausfand, wer und was ich bin oder sein möchte. Heute weiß ich, dass ich mehr bin als eine stereotype Geschlechtervorstellung und weiß, dass ich verschiedene (Geschlechter-)Identitäten in mir tragen kann.

Jetzt ist alles ein wenig anders, denn ich werde Mutter. Damit verändert sich auch mein Blick auf mich selbst und Themen wie Weiblichkeit, Frausein, Geschlecht, Identität, Erziehung und Entwicklung bekommen einen neuen Stellenwert. Gleichermaßen werden von außen Äußerungen deutlich, die mich nachdenklich machen. Ebenso die Aussagen, Haltungen und Meinungen meines Freundes. Geht es uns am Ende doch darum einen Jungen oder ein Mädchen zu gebären? Was für Wünsche, Vorstellungen und Sehnsüchte verbergen sich dahinter? Fühlen wir uns sicherer, wenn wir wissen mit welchem Geschlecht wir es zu tun haben?

Ich fand es zu Beginn meiner Schwangerschaft verwirrend zu spüren, dass ich biologisch tatsächlich eine Frau bin und mochte dieses Gefühl überhaupt nicht. Plötzlich machten sich in mir Vorstellungen über das Muttersein breit, mit denen ich mich weder identifizieren wollte noch konnte. Ich hatte Angst, wie mich meine Umwelt sehen wird.

Das Finden einer eigenen Haltung und Positionierung in Bezug auf das Kind und mich selbst als Mutter, scheint mir im Dschungel stereotyper Rollenbilder und Geschlechtervorstellungen nicht leicht.

Langsam spüre ich, dass ich auch bei diesem Thema selbst mitbestimmen und entscheiden kann, WAS, WER und WIE ich sein möchte als Mensch, Frau und Mutter. Das gilt auch für die Erziehung meines Kindes. Wir als Eltern können mitbestimmen, Einfluss nehmen und Vorbild sein. Naheliegend sind natürlich unsere eigenen Verhaltensweisen, die wir überprüfen und reflektieren können ohne es unnötig kompliziert zu machen.

Ich freue ich mich auf die wilden, bunten und witzigen Abenteuer, die wir mit unserem Kind zusammen erleben werden. Geschlecht hin oder her. Wir machen das Beste daraus!


Solltest Du einen spannenden Beitrag zu einem bestimmten Thema haben, freue ich mich über Deinen Kommentar an mich. Ich bitte Dich in Deinen Äußerungen stets wertschätzend und achtsam mit meinem Gedankengut und dem der Anderen umzugehen.

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